Lesegruppen / Buchclubs in Unternehmen

Buchbesprechungen als Werkzeug für Organisationales Lernen

Auf den devopsdays 2015 in Berlin hatten wir eine Open Space Gruppe, die sich mit dem Thema beschäftigte: “Ich lese viele Bücher, Blogs etc, und würde dieses Wissen gerne in das Unternehmen tragen, in dem ich gerade arbeite”. Dabei kam die Idee auf, Lesegruppen zu bilden. Diese Idee fand ich so gut, dass ich sie direkt einmal ausprobiert habe.

Seitdem habe ich mehrere Buchlesegruppen in Unternehmen (mit-)gegründet und diese “Buchclubs” als als sehr effektives Werkzeug des strukturierten Organisationales Lernens schätzen gelernt.

Was ist ein Buchclub / eine Lesegruppe?

Ein Buchclub ist eine Gruppe von Leuten, die ein Buch durcharbeiten und dann (z. B.) kapitelweise in regelmäßigen Treffen besprechen. Das eigentliche Lesen geschieht vor den Treffen durch jedes Mitglied in Eigenverantwortung. Als Bücher kommen Fachbücher in Frage, die einen Bezug zum Unternehmen haben.

Vorteile von Buchclubs - was bringt uns das?

Buchclubs bringen eine Reihe von positiven Eigenschaften:

  • Besprechung in der Gruppe: Das Themengebiet des Buches wird in der Gruppe besprochen und bearbeitet. Dabei entstehen für das Unternehmen sehr wertvolle (wenn nicht die wertvollsten) Diskussionen. (Zumeist) neue Konzepte werden zuerst von jeder teilnehmenden Person einzeln gelesen und danach in der Gruppe besprochen.
    Es sind also nicht die Ideen einer einzelnen Person, sondern jedes Gruppenmitglied hat das Thema selbst durch Lesen erarbeitet. Menschen neigen dazu, “selbst aufgenommene” Informationen besser aufzunehmen und in ihre mentalen Modelle einzuarbeiten (die ggf. stark zu dem Gelesenen divergieren), als wenn z.B. eine Einzelperson versucht, neue Ideen in eine Gruppe zu bringen.
  • Angleichen von unterschiedlichen mentalen Modellen: Wie wir die Wirklichkeit sehen, ist immer nur ein Ausschnitt. Es kann zum Beispiel sein, dass völlig unterschiedliche Arbeitsweisen oder Begriffsdefinitionen vorliegen innerhalb der Gruppe. Werden diese im Buch angesprochen, so entstehen oft Diskussionen wie “Ach, ihr macht das so?”, oder “Ach jetzt verstehe ich, was ihr mit X meint!”, aber auch “Dann lass uns doch auf X einigen, ich spreche das einmal in meinem Team an!”. Das sind genau die richtigen Diskussionen, weil Missverständnisse und Unverständnisse untereinander sachlich(er) geklärt werden, und dadurch wahrscheinlich auch die Gruppenkohäsion im Unternehmen gestärkt wird.
  • Reflektion der eigenen Arbeit: Fachbücher bieten eine gute Grundlage, um einen Realitätsabgleich von aktuell vorherrschenden Arbeitsweisen oder -mustern zu machen. Natürlich steht in Büchern auch immer nicht die ganze Wahrheit, oder die vorgestellte Welt ist zu perfekt, aber trotzdem bietet die Literatur meistens eine gute Indikation, auf welchem Level eine Person oder eine Gruppe sich befindet. Aktuell zum Beispiel lesen wir das Buch “Site Reliability Engineering”, welches beschreibt, wie Google intern arbeitet - und daher sind einige Konzepte aus dem Buch auch erst anzuwenden, wenn man eine Größe wie Google erreicht hat. Im Großen und Ganzen sind die Konzepte aber übertragbar bzw. sie regen zumindest wertvolle Diskussionen an.
  • Direkte Anwendung von Gelerntem: Ich erinnere mich an einen Buchclub, in dem wir “Implementing Domain-Driven-Design” durchgearbeitet haben, und Leute aus unterschiedlichen Teams dabei waren. Herausgekommen sind sehr konstruktive Diskussionen über die Gesamtarchitektur der Software, die das Unternehmen entwickelt, und zwar dieses mal geleitet von der Theorie aus dem Buch und nicht von unterschiedlichen mentalen Modellen oder Wissensständen (was für mich gefühlt in vorherigen Meetings immer der Fall war).
    Ein weiteres Beispiel war ein Buchclub, in dem wir “Toyota Kata” besprochen haben, und dann angefangen haben, eine Value-Stream-Map für das gesamte Unternehmen aufzustellen. Das war ein spannender Einblick in andere Unternehmensbereiche und ich habe gemerkt, wieviel Spaß es macht, mit der Gruppe erst die Theorie zu besprechen und dann darüber zu philosophieren, wo unser Unternehmen eigentlich wertschöpfend ist - so qualitativ hochwertige Diskussionen habe ich selten erlebt.
  • Gruppendruck: Wie so viele Dinge, die wichtig, aber nicht dringend sind, geht häufig auch das disziplinierte Zu-Ende-Lesen von Büchern im Alltag unter. Hier kann der Druck der Gruppe helfen: Wenn morgen der nächste Besprechungstermin ist, dann steht man mitunter schon einmal eine Stunde früher auf, um das Kapitel durchzulesen.
  • Günstig: Es gibt viele Wege der Mitarbeiter- und Teamentwicklung: Workshops, Schulungen, Konferenzen etc. - diese sind oft sehr teuer. Und der Erfolg ist ggf. auch noch fragwürdig: Meistens holt uns nach einer Schulung oder Konferenz schnell wieder das Tagesgeschäft ein - und die frischen Ideen sowie der Elan verpuffen. Die direkten Kosten von Buchclubs beschränken sich normalerweise auf Lese- und Besprechungszeit sowie die Anschaffung des Buchs.

Wie fange ich an?

In der Gruppe

Thema, Buch und Lesegruppe finden

Zuerst muss “jemand” ein Buch vorschlagen und dann dafür eine Lesegruppe finden. Meistens wird diese Person dann auch direkt Organisator der Gruppe. Das Finden von Mitgliedern kann z. B. durch Vorstellung des Buchclub-Konzepts in Meetings oder einfach an der Kaffeemaschine passieren. Wichtig ist, dass es immer ein freiwilliges Angebot ist.

Hier hilft es auch, dass man selbst “Schwäche zeigt”, z. B. “Ich würde mich gerne in Thema XYZ einarbeiten, da ich auf dem Gebiet Wissenslücken habe. Dazu habe ich Buch XYZ gefunden und würde dies gerne mit mehreren Leuten besprechen können, um sicherzustellen, dass ich die Konzepte wirklich verstanden habe”. Durch dieses “Verletzlich machen” (Zugeben, dass man Wissenslücken hat) erhöhen sich die Chancen, dass man mehr Menschen zum Mitmachen bewegen kann: Entweder merken sie, dass es nicht schlimm ist, mit Unwissen in diese Gruppe zu gehen, und dass es nicht darum geht, einzelne Mitarbeiter blosszustellen - oder sie sind schon versiert auf dem Thema und können dann in den Kapitel-Besprechungen ihr bestehendes Wissen gezielt einstreuen.

Lesegruppen-Setup

Hat man seine Lesegruppe gefunden, kann es losgehen! Zuerst sollte ein regelmäßiger Termin, z.B. jede Woche eine Stunde, festgelegt werden. Es ist auch hilfreich, direkt eine Mailingliste oder einen Chat (je nachdem, was im Unternehmen da ist) einzurichten und die Mitglieder einzuladen. Diese können dann für Ankündigungen genutzt werden.

Als nächstes einigt sich die Gruppe darauf, dass jedes einzelne Mitglied bis zum ersten Termin ein oder mehrere Kapitel durchgelesen hat. Als Empfehlung für den ersten Termin: Lieber mit dem ersten Kapitel oder der Einleitung starten, also nicht zuviel auf einmal am Anfang, denn beim ersten Treffen gibt es bestimmt viel auszutauschen.

Im Treffen geht die Gruppe dann das Kapitel durch, z. B. werden markierte Stellen besprochen. Weiterhin lohnt es sich oft, auch hinter die Referenzen und Fußnoten zu schauen. Es gibt auch die Möglichkeit, dass ein_e Moderator_in für das Treffen ausgemacht wird, diese_r dann das Kapitel vorstellt und hindurch leitet. Mit den entstehenden Diskussionen (siehe oben) ist die Zeit dann meistens auch schneller herum als erwartet.

Abschluss des Buches

Ist das Buch zuende gelesen, kann sich die Gruppe entweder auflösen oder direkt ein weiteres Buch finden und somit bestehen bleiben. Bleibt die Gruppe bestehen, ist es aber hilfreich, weitere potentielle Mitglieder in die Gruppe aufzunehmen, um die Diversität zu erhöhen. Denn auch Buchclubs sind nicht vor Gruppendynamiken wie Groupthink gefeit. Man muss auch aufpassen, dass sich keine In- und Out-Gruppen bilden (z. B. Mitglieder des Buchclubs, die sich dann “elitärer” fühlen als Nichtmitglieder).

Als Unternehmen

  • Arbeitszeit explizit freigeben: Als Zeichen, dass das Unternehmen die Weiterbildung seiner Mitarbeiter_innen unterstützt, sollte ein gewisser Anteil der Arbeitszeit “freigegeben” werden für explizite Weiterbildungsmaßnahmen wie z. B. Buchclubs. Ein Beispiel für ein Modell wären z. B. die Besprechungszeit übernimmt das Unternehmen, die Lesezeit die Mitarbeiter_innen.
  • Teamleiter_in mit einbinden: Häufig kommen in Buchbesprechungen dann “Man müsste mal” Themen auf. Hilfreich ist es hier immer, wenn Teamleiter_innen direkt mit dabei sind, so dass Änderungen an Arbeitsprozessen oder Experimente schneller umgesetzt werden können. Häufig werden dann auch Dinge angesprochen, die sonst im Alltag untergehen würden.

Zusammenfassung

Buchclubs bieten eine für Unternehmen sehr kosteneffektive Möglichkeit, die Weiterbildung seiner Mitarbeiter_innen zu fördern. Weiterhin sind sie ein Werkzeug für organisationales Lernen.